Lexikon

Pflegeberatung

Durch die Verschiebungen in der Altersstruktur der Bevölkerung, die damit verbundenen Änderungen im Krankheitsspektrum und den komplexeren Strukturen im Gesundheitswesen (z. B. Fallpauschalen, ambulante Versorgung) verlassen Patienten früher das Krankenhaus und bleiben vielfach chronisch krank oder hilfebedürftig. Als Folge dessen müssen sie ihr Leben mit ihrem Kranksein oder mit Pflegebedürftigkeit meistern. Der Pflegeberatung kommt deshalb ein größerer Stellenwert zu. Bei einer Sichtweise des hilfebedürftigen Menschen als Subjekt bedarf es einer Pflegeberatung, die sich in einem Prozess auf die Perspektive des Patienten einlässt, seine Eingebundenheit in seine Biografie und sein soziales Netz beachtet und versucht, partnerschaftlich Lösungen zu finden, die der Betroffene akzeptieren kann. In diesem Aushandlungsprozess sind die Pflegenden Experten ihres Faches und Betroffene Experten ihres Lebens. In diesem Verständnis ist Pflegeberatung Teil des Pflegeprozesses und gehört im allgemeinen Verständnis zum Alltag der Pflegeberufe. Wichtig ist das Bewusstsein, dass in jeder Begegnung zwischen Pflegenden und Gepflegten potenziell der Ansatz und der Bedarf von Beratung stecken. Pflegende müssen Beratungsbedarf entdecken, da Beratung aus unterschiedlichen Gründen von den Patienten nicht eingefordert wird, sondern sich in bestimmten Verhaltensweisen nonverbal – z. B. durch Schmerzen, Verspannungen usw. – leiblich äußert. Pflegeberatung im professionellen Sinn erfordert deshalb Kompetenzen, die über die allgemeine menschliche Bereitschaft zu Mitgefühl und zum Gespräch hinausgehen. Beratung vor dem Hintergrund eines ganzheitlichen Verständnisses von Gesundheit und Krankheit konzentriert sich nicht nur auf den medizinisch-pflegerischen Gehalt des Verhaltens und der Aussagen, sie begreift vielmehr die Situation als ein Ereignis, das viele Dimensionen ihres Lebens erfasst. Die Integration von Beratung in den Alltag der Pflege befördert die sich im Gesundheitswesen entwickelnde Vorstellung vom Patienten als souverän entscheidenden Menschen. Professionelle Pflegeberatungskompetenz beschränkt sich nicht allein auf aufklärende und handlungsleitende Informationen. Vielmehr geht es um eine mehrdimensionale, d. h. ganzheitliche Wahrnehmung der Situation des Patienten, seine physischen und psychosozialen Beschwerden und Einschränkungen betreffend, und um die Wahrnehmung und gemeinsame Suche nach individuellen und umfeldbezogenen Ressourcen und Entwicklungschancen sowie um das gemeinsame Erkunden von Entwicklungs- und Lösungsschritten auf der Basis der Potenziale, Wünsche, Werte und Erfahrungen und der Achtung der Selbstbestimmung des Patienten. Die menschliche Fähigkeit zu Empathie und das Bedürfnis, sich den Leidenden zuzuwenden, findet in einer beratenden Haltung eine gestaltete, entlastende und hilfreiche Form zugleich Pflegeberatung als Fähigkeit zur professionellen Gestaltung der Pflegebeziehung hilft, die für Pflegende und Pflegebedürftige schwierige Balance zwischen Nähre und Distanz auszutarieren.
Pflegeberatung wird nicht nur im alltäglichen Pflegehandeln benötigt, sondern auch in speziellen Beratungsinstitutionen oder für spezifische Klientengruppen, in Pflegebüros, in der Gesundheits- und Pflegeberatung z. B. von chronisch Kranken, in Beratungsstellen für Angehörige bzw. Angehörigengruppen als Entlastungsangebote. Zunehmend wird Pflegeberatung von den Pflegekassen zu Themen angeboten wie z. B. zur persönlichen Situation zu Hause, zur Nachsorge nach Rehabilitations- oder Krankenhausaufenthalt, zu Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung und Pflegekurse, zur Prävention oder Wohnraumberatung. Schließlich findet Pflegeberatung durch entsprechend qualifizierte Gesundheits- und Sozialberufe auf der Ebene von Organisationsberatung/-entwicklung in Einrichtungen des Gesundheitswesens statt.
Autorin: Birgit Vosseler (Quelle: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg.) Mulot, R. Schmitt, S. (Redaktion und Lektorat). 2007. “Fachlexikon der sozialen Arbeit“. Baden-Baden. NOMOS)