Lexikon

Sozialstation

Der Begriff Sozialstation ist weder eindeutig definiert, noch geschützt. Seit den 1970er-Jahren, als erste Sozialstationen geschaffen wurden (Rheinland-Pfalz), bezeichnet er Einrichtungen der ambulanten gesundheits- und sozialpflegerischen Versorgung. Nach der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung im Jahre 1995 verliert er an Bedeutung zugunsten anderer Namen: Pflegestation, mobiler Pflegedienst, häuslicher Pflegedienst, ambulante Pflege. Zugleich reduziert sich der Wirkungsradius der meisten Sozialstationen und ambulanten Pflegedienste auf zwei Kernangebote: a) »Pflege« bei alltäglichen Verrichtungen i. S. d. SGB XI für Menschen mit Pflegebedarf, b) »häusliche Krankenpflege« nach § 37 SGB V zur Unterstützung ärztlicher Behandlung, die nur »behandlungsbedürftigen Personen« zusteht und ärztlich verordnet werden muss. Der Begriff »Sozialstation« wird heute für Einrichtungen einiger Wohlfahrtsverbände (Marktanteil von 43,2 %) und der öffentlichen Hand (1,7 %) genutzt. Gewerbliche Träger (55,1 %) verwenden ihn ausnahmsweise (Statistisches Bundesamt 2005). Ein Teil s der Sozialstationen/ambulanten Pflegedienste bietet auch Beratung, Begleitung, Rollstuhlschieben, Kurse für pflegende Angehörige, »Wohnungsentmüllung«, Haustierbetreuung oder Anliefern von Lebensmitteln an. Wohlfahrtseigene Sozialstationen greifen dabei oft auf Leistungen ihrer Träger zurück, die »Privaten« (gewerblichen Pflegedienste) versuchen, mit solchen Dienstleistungen eine bessere Position im harten Konkurrenzkampf des Pflegemarktes zu erobern. Im Zuge der Versorgungsintegration werden Sozialstationen an Krankenhäuser und Pflegeinstitutionen angekoppelt, oder sie knüpfen in Versorgungsnetzen Kooperationsbeziehungen mit Ärzten und stationären Einrichtungen an. Nach amtlicher Pflegestatistik arbeiteten zum Stichtag 15.12.2003 bundesweit 1.311 Personen mit einem Abschluss als Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagog/innen in Sozialstationen/ambulanten Pflegeeinrichtungen, meist in fachfremden Aufgabenfeldern. Die wahre Zahl ist höher, weil die Statistik nur Sozialarbeiter/innen im Rahmen der Pflegeversicherung berücksichtigt. Dennoch ist die Bedeutung der Sozialarbeit/Sozialpädagogik in Sozialstationen derzeit gering. Das In-Kraft-Treten des SGB XI hat ihr die finanzielle Basis entzogen und ihre genuinen Aufgaben, etwa psychosoziale Betreuung und Beratung (sofern sie überhaupt stattfinden), den Pflege(fach)kräften übertragen. Die genannten Trends, z. B. Versorgungsintegration, Vernetzung, Privatisierung, sprechen dafür, dass die Sozialarbeit wieder Aufschwung erleben könnte. Aufgaben, die dort an Relevanz gewinnen, sind: Case Management, Beratung finanziell schwacher Klient/innen, deren Anzahl steigen wird, Betreuung Alleinlebender, Unterstützung informeller Helfer/innen. Auch den Mitarbeiter/innen von Sozialstationen könnte Sozialarbeit nutzen, etwa beim Konfliktmanagement und im Rahmen der der Burnout-Prophylaxe.
Lit. Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik.
Autorin: Vjenka Garms-Homolová (Quelle: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg.) Mulot, R. Schmitt, S. (Redaktion und Lektorat). 2007. “Fachlexikon der sozialen Arbeit“. Baden-Baden. NOMOS)