Lexikon

Wohngemeinschaften/Wohngruppen

Modelle für Lebensgemeinschaften in Haushalten gibt es in allen Kulturen. es gibt in Deutschland keine verlässliche Bevölkerungsstatistik, wie hoch der Anteil der in Wohngemeinschaften/Wohngruppen lebenden Menschen ist. Lediglich für spezifische Gruppen existieren solche Zahlen, so kommt bspw. die 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2003 ca. 22 % der Studenten (bei einer Gesamtzahl von 2 Mio. sind dies ca. 445.000) in Wohngemeinschaften/Wohngruppen leben. Der Mikrozensus 2005 des Statistischen Bundesamtes kommt zu der Aussage, dass es immer mehr Haushalte gibt, in denen durchschnittlich immer weniger Personen leben. Wobei mit der demografischen Alterung die Zahl der Haushalte mit Menschen im Seniorenalter rapide steigt und in der Zukunft noch weiter steigen wird. So wohnten 2005 in 22 % der Haushalte in Deutschland ausschließlich Senioren. In 7 % der Haushalte lebten Senioren mit Menschen in einem Haushalt unter einem Dach zusammen, die dieses Alter noch nicht erreicht haben. Die Angst vor Isolation, zunehmender Betreuungs- und Pflegebedarf, verstärkte Autonomiebestrebungen und die Zunahme ambulanter haushaltsnaher Dienstleistungen werden die Nachfrage nach Wohngemeinschaften/Wohngruppen im Alter steigen lassen und Wohngemeinschaften/Wohngruppen als Ort familienersetzender Organisationsformen attraktiv erscheinen lassen. Solche Wohngemeinschaften/Wohngruppen werden einen Ort neuer gelebter Solidarität zwischen den Generationen entstehen lassen, insbesondere dann, wenn sie multigenerational besetzt sind. Eine zunehmende Landschaft von Wohngemeinschaften/Wohngruppen wird zu einer Entinstitutionalisierung sozialer Hilfen und Einrichtungen beitragen, die Prämisse „ambulant vor stationär“ wird somit auch aus ökonomischen Gründen für eine immer älter werdende Gesellschaft interessanter. Flankiert werden solche Wohngemeinschaften/Wohngruppen durch eine neue Dienstleistungsmannschaft sozialer Hilfe- und Unterstützungssysteme für Alltagsmanagement, Hauswirtschaft und Pflege. Die Wohlfahrtsverbände und sozialen Dienstleistungsunternehmen werden sich künftig in ihrem Angebotsportfolio darauf einstellen. Die Wohnungsbau- und Städtebaupolitik wird sich ebenfalls zunehmend dieser neuen Kunden- und Bedarfssituation anpassen müssen und attraktive, barrierefreie Wohnimmobilien zur Verfügung stellen.
Der demografische Wandel wird dazu führen, dass neue Modelle des Zusammenlebens erprobt werden müssen – Modelle, in denen Menschen ihre eigenen Fähigkeiten einsetzen können, um selbst bestimmt und selbstverantwortlich zu leben. In Zukunft wird es vermehrt solche integrativen Wohngemeinschaftsmodelle nicht nur für alte Menschen geben. Eine etablierte Angebotsform sind auch die Hausgemeinschaften. Hausgemeinschaften sind kleine, möglichst gemeindenahe Wohnformen für pflegebedürftige ältere Menschen (für ca. acht Personen). Sie stehen für eine Abkehr vom institutionalisierten, vordergründig auf Pflegequalität und Versorgung ausgerichteten „Anstaltsmodell“ und für eine Hinwendung zu einem an den individuellen Lebenswelten orientierten Normalisierungsprinzip. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 30 Hausgemeinschaftsprojekte, die sich in der Planungs- oder Bauphase befinden oder bereits vollendet sind.
Autor: Andreas Tietze (Quelle: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg.) Mulot, R. Schmitt, S. (Redaktion und Lektorat). 2007. “Fachlexikon der sozialen Arbeit“. Baden-Baden. NOMOS)