Lexikon

Wohnen im Alter

Der Wohnung und dem unmittelbaren Wohnumfeld kommen im Alter zentrale Bedeutung zu. Bei zunehmender Immobilität und Hilfebedürftigkeit wird der räumliche Aktionsradius immer mehr eingeschränkt und die Wohnung wird zum Mittelpunkt des täglichen Lebens. Je nach Gestaltung der Wohnung und des Wohnumfeldes ermöglichen oder verhindern bzw. erschweren sie bei Hilfe- und Pflegebedarf eine selbstständige Lebensführung und Teilhabe an der sozialen Gemeinschaft. Gleichzeitig stellen ältere Menschen sehr unterschiedliche Anforderungen an das Wohnen im Alter, so dass es nicht die eine Wohnform geben kann, die für alle älteren Menschen geeignet ist. Auch haben sich in den vergangenen Jahren die Ansprüche an das Wohnen im Alter gewandelt: Die Mehrheit älterer Menschen will so lange wie möglich selbstständig in ihrer vertrauten Umgebung wohnen. Es gibt aber auch eine wachsende Gruppe von v. a. jüngeren Senioren, die durchaus bereit ist, im Alter umzuziehen, und noch einmal etwas Neues ausprobieren will. Ältere Menschen wollen auch bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit möglichst ein selbst bestimmtes Leben führen. Das Heim als institutionalisierte Wohnform, die primär auf eine funktionelle Pflege ausgerichtet ist, stößt heute auf eine erheblich geringere Akzeptanz als noch vor einigen Jahren. Angesichts der veränderten und unterschiedlichen Wünsche an das Leben und Wohnen im Alter hat sich das Wohnangebot für ältere Menschen in den vergangenen 15 Jahren erheblich verändert. Die Wahlmöglichkeiten, im Alter „zu Hause“ zu bleiben oder in eine der traditionellen Sonderwohnformen wie z. B. das Alten- und Pflegeheim oder eine Altenwohnung umzuziehen, haben sich durch ein breites Spektrum an alternativen Wohnangeboten für Senioren wesentlich erweitert. Auch die Möglichkeiten, das eigne Zuhause altersgerecht zu gestalten und hier Hilfen zu erhalten, sind in den vergangenen Jahren verbessert worden. Das Spektrum der Wohnangebote für ältere Menschen lässt sich wie folgt systematisieren: 1. So lange wie möglich zu Hause bleiben: Barrierefreie bzw. angepasste Wohnungen, Betreutes Wohnen im Bestand/Wohnen plus. Die meisten älteren Menschen wollen in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben und ihre angestammte Wohnung so lange wie möglich erhalten. Die Hauptprobleme für die Gestaltung einer bedarfsgerechten Wohnsituation im Alter bestehen hier v. a. darin, Versorgungssicherheit, soziale Kotakte und Integration in die soziale Umwelt sowie eine selbstständigkeitsfördernde räumliche Gestaltung von Wohnung und Wohnumfeld sicherzustellen. Ansatzpunkte für eine bedarfsgerechte Gestaltung der Wohnsituation für diesen Grundtyp werden in Maßnahmen zur Anpassung der Wohnungen und der räumlichen Umwelt i. V. m. Betreuungs- und Gemeinschaftsangeboten gesehen. 2. Wohnsituation nach eigenen Vorstellungen verändern: Altenwohnungen, selbst organisierte Wohn-/Haus-/Nachbarschaftsgemeinschaften, Mehrgenerationenhäuser/Integrierte Wohnprojekte, Betreutes Wohnen/Service Wohnen, Wohnstifte/Seniorenresidenzen. Hier steht häufig der Wunsch im Vordergrund, Mängel der „normalen“ Wohnsituation bzgl. der räumlichen Wohnverhältnisse, der sozialen Kontakte und der Versorgungssicherheit durch einen Wohnungswechsel auszugleichen. Der Wohnungswechsel wird bewusst in einer Phase geplant, in der eine selbstständige Haushaltsführung weitgehend möglich ist. Wesentliche Motive für einen Umzug sind, Vorsorge zu treffen für Hilfe- und Pflegebedürftigkeit, aber auch bewusst und aktiv eine neue Lebensform zu suchen. Entsprechend sind Merkmale wie Selbstständigkeit, Individualität, Gemeinschaft und häufig die Vorhaltung von Dienstleistungsangeboten typisch für Wohnformen, die in dieser Entscheidungssituation favorisiert werden. Hauptprobleme und Unterschiede zwischen den Einrichtungen bestehen hinsichtlich der Gewährleistung der gewünschten Versorgungssicherheit bei Eintreten von Pflegebedürftigkeit, der Transparenz von Betreuungsleistungen und der Mitwirkung der Bewohner bei der Organisation des Zusammenlebens und auch bei der Projektentwicklung. 3. Wohnsituation verändern, weil es nicht mehr anders geht: Altenpflegeheime, betreute Wohn- und Hausgemeinschaften für Pflegebedürftige. Im Vordergrund steht die Notwendigkeit, die bisherige Wohnform zu verlassen, weil der selbstständige Haushalt nicht mehr bewältigt werden kann. Im Rahmen dieser Entscheidungssituation ist das Auswahlspektrum für Wohnalternativen deutlich eingeschränkt. Die zu Verfügung stehenden Wohnformen dieses Grundtyps sind darauf ausgerichtet, das fehlende Hilfsangebot zu sichern: Pflege, hauswirtschaftliche Versorgung und soziale Kontakte. zudem wird eine barrierefreie Wohnumwelt bereitgestellt. Hauptproblem ist hier die Berücksichtigung der individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Bewohner, die Erhaltung des möglichen Maßes von Selbstbestimmung und Alltagsnormalität. Neue Wohnformen für diese Entscheidungssituation versuchen deshalb gezielt, Institutionalisierungseffekte zu vermeiden. 4. Quartiersbezogene Wohn- und Betreuungskonzepte. In Zukunft wird es darauf ankommen, diese unterschiedlichen Wohn- und Betreuungsformen besser miteinander zu vernetzen. Ein Lösungsansatz besteht in einer kleinräumigen Integration solcher Angebote in überschaubaren Wohnquartieren. Der Vorteil dieses Quartiersansatzes besteht einmal in der Stärkung der generationenübergreifenden Selbst- und Nachbarschaftshilfe und zum anderen in der Möglichkeit, auch dann in einem vertrauten Wohnumfeld leben zu können, wenn eine Alternative zur bisherigen Wohnung notwendig wird. Für den Erfolg dieses Konzeptes ist neben der Verknüpfung von baulichen und sozialen Maßnahmen sowie der quartiersbezogenen Organisation ambulanter und teilstationärer Angebote auch die Einbeziehung stationärer Einrichtungen erforderlich.
Autorin: Ursula Kremer-Preiß (Quelle: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V. (Hrsg.) Mulot, R. Schmitt, S. (Redaktion und Lektorat). 2007. “Fachlexikon der sozialen Arbeit“. Baden-Baden. NOMOS)